Jahre des Hungers

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EBook, erhältlich bei Amazon.com

Historischer Roman, 279 Seiten (die bei Amazon angegebene Seitenzahl von 196 ist leider immernoch falsch).

Kyl um 1350.
Dunkel, nass und kalt ist es in Kyl, der Stadt hoch oben an der Ostsee. Nahrungsmittel sind knapp. Menschen hungern, Menschen sterben, Menschen werden getötet.
Hinrich, der junge Schreiber aus Lübeck, gerät, kaum in Kyl angekommen, nicht nur zwischen dir Fronten von Stadtrath und Kirche, die sich selbst Taschen und Münder vollstopfen, während das Volk hungert, und sich durch Intrigen und Lügen ihre Macht auszubauen versuchen. Er gerät auch in einen Glaubenszwiespalt, zwischen seiner Liebe zu Gott und seiner Liebe zu Anna.

Glaubenskrieg, Machtkampf, der Kampf gegen die Pest, der Kampf Hinrichs gegen seine irdischen Bedürfnisse, und sein Kampf um und gegen die Liebe.

Seinerzeit, als die Idee für diesen Roman entstand, lebte ich in Kiel,
warum es für mich naheliegend war; wenn ich einen historischen Roman
schreibe, dann einen, der sich um die Stadt dreht, in der ich zuhause war und der ich mich auch zuhause fühlen wollte. Da Kiel im letzten Weltkrieg völlig zerbombt wurde, empfand ich diese Stadt aber als gesichtslos. Sehr wenig, fast nichts erinnerte an irgendeine Art von Geschichte, wie es in vielen anderen alten Städten der Fall ist. Durch meine Recherche in Kiels Stadtarchiv bekam Kiel für mich ein Gesicht, und fühlte sich auch mehr als meine Heimat an. Auch, wenn vieles frei erfunden ist, so gibt es einige Passagen und Auszüge, die im Stadtarchiv Kiel so hinterlegt sind, wie sie auf den folgenden Seiten erzählt werden.
Nicht alles zu der Zeit, in der diese Geschichte stattfindet, manches früher, manches später und manches in einem anderen Zusammenhang.  Ich habe versucht, mich nah an den
wirklichen Geschehnissen des Mittelalters in Kiel auszurichten. Dennoch habe ich vieles zu Gunsten des Romans verändert. Und so sollte man es auch sehen. Als einen Roman.
Die Nicolaikirche gab es und gibt es immer noch. Das Franziskanerkloster fiel dem zweiten Weltkrieg zum Opfer, aber man kann heute noch anhand der teilweise erhaltenen Fundamente den Kreuzgang und das Kloster selbst erahnen.
Auch der Einzug der Pest in Kiel, ist in den Stadtarchiven aufgeführt. Was auch für gerichtliche Verfahren und Hinrichtungsarten gilt und für andere Einträge, die ich für das Buch verwendet habe und in meiner künstlerischen Freiheit verändert habe. Was die Pest und ihren Verlauf anbelangt, habe ich mich mehr an den allgemeinen Umgang mit dieser Seuche gehalten, weil aus den Stadtarchiven Kiels nur hervorgeht, dass die Pest Kiels Friedhöfe zum Überlaufen brachte. Wie wohl in jeder anderen Stadt damals auch.
So entstand nach zwei Jahren Recherche „Jahre des Hungers“

 

 Leseprobe

Seit langer Zeit waren die Sommer zu kalt und nass. Darauf dann zu heiß und trocken. Die Früchte der Erde verfaulten oder verdorrten.
Von der dauernden Unterernährung dämmerte die Landbevölkerung vor sich hin. Wenn die Sonne endlich das Korn zum Reifen bringen konnte, waren die Menschen zu schwach es zu ernten und zu dreschen. So blieben die Dreschflegel und somit auch die Mägen der Menschen ohne Arbeit.
Es waren die Jahre der Krüppel, Blinden, Skrofulösen und Wassersüchtigen. Minderwüchsige zogen sich in die Wälder zurück und fraßen Wurzeln und Pilze. In den kalten Monaten gruben sie sich in die Erde ein. Es fehlte Bier und Wein, aber der berauschende Inhalt jener einzigen Nahrung war es, der all die Schmerzen und die Not vergessen ließ.
Es waren die Knechte, Bauern und das Gesinde, die Söhne Chams, die ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen konnten. War man fern der Stadt, war man fern der Gesundheit. So flohen die Landmänner in die Städte und fraßen dort die Speicher leer. Die, die nicht am Tage kamen, kamen nachts, wenn die Stadt schlief. Sie schlichen sich auf die Kirchhöfe und gruben Leichen aus. Sie wären auch tagsüber gekommen. So, wie sie es auf dem Lande machten. Doch fürchteten sie mehr noch als den Hunger die Strafe. Schließlich ergaben sie sich ihrem Schicksal. Jeder dort, wo er hineingeboren wurde.
Es wurde Brot mit Mutterkorn und Mohn gebacken. Die Menschen versetzten das Brot zusätzlich mit Koriander, Anis und Kreuzkümmel. Sie streckten es mit Sesamöl und Schlafmohn. Es ließ die Menschen verdummen und bald verblasste auch der Wunsch nach Brot und Bier in ihrer Blödheit. Später brachten sie nur noch Kraft auf, um Hanf zu ernten. All dies hinterließ nicht nur Spuren im eigenen, sondern auch im Geist der Erben. Kinder, die zu sehr schrien, wurden verkauft oder ausgesetzt. So kam es vor, dass ein Kind, wenn es nicht gefunden wurde, über Umwege auf der Tafel seiner Eltern landete. Säuglinge wurden mit dem Dampf des Bilsenkrautes in einem dämmernden Dauerschlaf gehalten.
Es waren die Jahre des Hungers, als einige weiße Wolken am hellblauen Frosthimmel vom Nordostwind langsam vor sich hergetrieben wurden. Er baute sie auf und federte sie auseinander.
Es war in den Jahren des Hungers, als der junge Hinrich in den Himmel sah. Die blass-weiße Sichel des zunehmenden Mondes stand bei diesem Frost noch immer im Zenit. Ein Winter voller Not und Elend!

Seit seiner Wanderschaft aus Lübeck, das war nun schon vier Tage her, hatte Hinrich nichts mehr gegessen. Seine Füße waren nass und schmerzten. Die Fußlappen gefroren und konnten die Kälte nicht mehr abhalten.
Hinrich zog seine Schultern hoch, als er durch die fremden Gassen auf den Marktplatz von Kyl trat. Er steckte seine Hände tiefer in die Taschen seines gefrorenen Wollumhanges und ging mit gesengtem Haupt weiter. Im vereisten Boden erkannte er zarte, nackte Fußabdrücke von Kindern. Als Zeugen, der Zeit vor dem Frost, blieben sie solange im eisigen Grund erhalten, bis die ersten Sonnenstrahlen sie aus dem Gesicht der Stadt schmolzen. „Wahrscheinlich verschwinden damit auch die Erinnerungen an das Leben dieser jungen Geschöpfe“, dachte Hinrich, „und keiner wird zu sagen vermögen, ob sie dem Hunger oder der großen Kälte zum Opfer fielen.“
Hinrich betrat den fremden Marktlatz mit Neugier. Einen Fremden hatten die Bewohner dieser kleinen Stadt schon immer mit Argwohn betrachtet. Wenn er auch noch lesen und schreiben konnte, ging man ihm aus dem Weg.
Bei diesen Temperaturen verlor nicht nur die Natur ihre Beweglichkeit, sondern auch die Menschen erstarrten in ihrem Leben. Jeder allein, jeder getrieben durch das Bestreben, der Kälte zu entfliehen. So blieb der neue Schreiber unbehelligt. Denn er war ein Fremder und er konnte lesen und schreiben.
Dies war im Winter 1347.
Hinrich hatte die Klosterschule in Lübeck verlassen, um dem Ruf seines alten Magisters nach Kyl zu folgen. Probst Paul hatte die Pfründe der Nikolaikirche übernommen.
Nun stand Hinrich, am ersten Tag in seiner neuen Heimat, in der Nähe der Kirche. Als sich die bronzene Doppelflügeltür öffnete, erkannte er sofort das Gesicht, welches ihm in den zehn Jahren seiner Erziehung nicht nur ein Lehrer, sondern auch eine Vaterfigur geworden war. Erfüllt von Glück und Sehnsucht drängelte sich Hinrich durch die Menge. Immer wieder musste er seine Ellenbogen benutzen. Durch die Menschenmassen war der frostige Boden aufgeweicht. Knöcheltief standen sie im Schlamm. Den Lederbeutel mit einigen Lübecker Witten krampfte Hinrich in die rechte, während er mit der linken Hand die Menschen beiseiteschob. Nur widerwillig machten sie Platz, störte Hinrich als Fremder doch ihre Versammlung.
„Verzeiht“, murmelte er heiser. Der lange Fußmarsch von Lübeck und die Nächte auf fauligen Strohschütten hatten ihre Spuren hinterlassen. „Verzeiht, dass ich erst jetzt erscheine. Meine Reise war sehr mühsam“, sagte der junge Schreiber hustend weiter.
„Hinrich!“, freute sich der Probst und alte Magister mit seiner tiefen sonoren Stimme, vom freien Sprechen geübt. „Hinrich, mein liebster Schüler. Schön, dass Ihr hier seid. Ich habe euch schon gestern erwartet. Es wurde mir zugetragen, dass Ihr im Gasthaus neben dem Rathhaus Quartier bezogen habt. Doch Ihr hättet auch bei mir einkehren können.“
„Das ist sehr gütig von Euch. Aber wie Ihr wisst, lebe ich schon seit zehn Jahren in Gemeinschaft. Ich habe die Nacht, wenn auch nicht sehr bequem, doch von der Ruhe her sehr genossen.“
„Wollt Ihr mir die Freude machen und ab heute bei mir nächtigen?“
„Das würde ich gerne. Aber ich möchte mir eine Kammer bei ehrlichen Leuten suchen. Es ist, wie Ihr es uns gelehrt habt. Irgendwann muss jeder seinen Weg gehen. Und ich will ihn jetzt mit Gottes Hilfe gehen.“
„Verzeiht meine Ungastlichkeit. Kommt doch herein. Hier draußen ist es zu kalt.“ Der Probst drehte sich um und ging zurück in die dreischiffige Hallenkirche. „Erzählt, wie habt Ihr die letzten Monate verbracht?“
Eine Gänsehaut lief dem ehemaligen Schüler des Probstes den Rücken hinunter, als sich der starre Frost langsam aus seinem Wollumhang löste. „Mit Lesen. Ich bin mit mir selbst zu Gericht gezogen.“ Hinrich folgte dem Probst durch den Mittleren der drei Gänge, an den verwurmten Bänken vorbei. Links von ihnen ein bronzenes Taufbecken. Rechts der große, doppelflügelige Altar, mit den Stationen vom Leiden Christi. Dieser nahm fast die gesamte Stirnseite ein. Sie gingen durch die Spitzbogentür in einen dunkel getäfelten Raum, mit einem steinernen Kamin an der rechten Seite. Ein mächtiger Eichentisch stand direkt davor.
„Wollt Ihr mir von Euren Erkenntnissen berichten?“ Der Probst stand mit dem Rücken zu Hinrich und wärmte sich die Hände am lodernden Feuer.
„Wenn Ihr verzeiht, dann möchte ich es später tun.“ Erst jetzt hob Hinrich zum ersten Mal richtig seinen Kopf. Er stand in der Tür zur Sakristei und blickte über seine Schulter. Von hier konnte er das Taufbecken sehen. Es wurde von vier sitzenden Löwen getragen und zeigte in zwei Reihen biblische Szenen.
„Ein bescheidenes und erbauendes Haus Gottes“, murmelte Hinrich zu sich.
„Kommt hierher. Hier hinten ist es wärmer.“ Die Worte seines väterlichen Freundes rissen Hinrich aus seiner Verwunderung und die wärmende Herdstelle lockte ihn in den Raum.
Probst Paul drehte sich ganz um und schenkte gewärmten Wein in zwei Tonkrüge.
„Kommt, das wird Euch helfen warm zu werden“, rief er seinem Schüler gastfreundlich entgegen.
Der Frost tropfte aus Hinrichs Wollmantel und hinterließ feuchte Flecken auf dem Dielenboden. Dabei wurde der Mantel immer klammer und feuchter. Er ließ den schmächtigen jungen Mann breiter erscheinen, als er war.
„Darf ich Euch fragen, welche Aufgabe Ihr für mich habt?“, wollte Hinrich wissen, nachdem er den Krug zur Hälfte geleert und seine Glieder an der Herdstelle gewärmt hatte.
„So wie ich Euch kenne“, lachte der Probst, „kann er es gar nicht erwarten, eine Aufgabe zu bekommen. Nun, wenn Ihr so begierig darauf seid, werde ich Euch nicht länger hinhalten. Ehrlich gesagt ist es mir sogar eine besondere Freude, gerade Euch hier zu wissen. Ich habe schon immer Eure Kunst bewundert, mit der Ihr Worte aufs Pergament bringt. Nun, Eure Aufgabe besteht aus zwei Teilen. Die Eine, Ihr müsst alles Schriftliche für diese Kirche erledigen. Ich bin Augustiner und meinen Brüdern verbunden. Wir wollen näher an unsere Kirche heranziehen und unser Kloster von Bordesholm nach Kyl verlegen. Doch der Rath sperrt sich. Es sollte aber alles Weltliche vom Geistlichen getrennt werden. Zu diesem Zweck haben wir die Kurie in Avignon angerufen. Um diese Aufgabe im geistlichen Sinne zu beenden, bedarf es eines kundigen, wortgewandten Schreibers.“
„Und welches ist der zweite Teil meiner Aufgabe?“
„Der Rath hat ein Mitbestimmungsrecht bei der Vergabe dieser Pfründe. Auch er benötigt einen neuen Schreiber.“ Der Probst wandte sich ab. Hinrich spürte die Wut, die in diesen Worten mitschwang.
„Wie kann man diese beiden Aufgaben vereinen?“ Hinrich stand mit dem Rücken zum Feuer und wärmte seine schmalen Glieder.
„Die genauen Zusammenhänge werde ich Euch später näher bringen. Wir wollen nicht unsere Wiedersehensfreude trüben. Nur dieses: Der Rath wollte einen weltlichen Schreiber. Ich konnte mithilfe der Grafen Johann II. aus Plön und Gerhard II. aus Rendsburg den Rath überzeugen, mir die Wahl eines Stadtschreibers zu überlassen. Es geht doch um kirchliche Belange, um die Verkündung von Gottes Wort. Das Seelenheil der Menschen muss über die Weltlichkeit gehen. Steht nicht auch die Seele, der Geist, über dem Körper? Beherrscht nicht das Gedankengut alles Handeln?“
„Wenn doch aber die Geistlichkeit von der Weltlichkeit genährt wird? Was wäre der Geist ohne die Nahrung, ohne den Körper? Bilden sie denn nicht eine Einheit?“
Der Probst lachte kurz auf. „Genug, wie ich sehe, habe ich die richtige Wahl getroffen. Kein Wort mehr. Wir wollen doch nicht gleich zu Beginn alles erörtern.“ Dabei schenkte er Hinrich etwas Wein nach und schmunzelte. „Erlaubt mir eine Frage Hinrich, nur die Eine, die ich Euch immer wieder stellen werde, bis Ihr sie mir beantworten werdet: Warum seid Ihr nicht unserem Konvent beigetreten – der Prior fragt nach Euch?“
„Ich weiß. Auch danke ich Euch dafür. Wenn ich aber etwas von Euch gelernt habe, dann dies: Wie kann ich mein Leben einer Sache widmen, wenn ich mein Leben nicht kenne?“
„Ihr vergesst, dass es nicht Euer Leben ist. Es wurde Euch von Gott geschenkt“, erwiderte der Probst. „Jedem wird sein Leben gegeben; ein Leben, um Gott zu dienen. Dort zu dienen, wo er hingestellt wurde. Doch alle zusammen sind wir die Einheit, die Gott gefällt.“
„Wozu hat uns Gott dann einen Willen gegeben?“
„Um zu entscheiden, was Gut und Böse ist.“
„Doch nicht wir entscheiden, was Gut und Böse ist, sondern Gott tut es“, sagte Hinrich.
Probst Paul lachte und umarmte seinen jungen Schüler. „Schön, dass Ihr hier seid. Mit Euch an meiner Seite werde ich, werden wir … nun gut … werden wir den Rath überzeugen. Ihr seid doch auf meiner Seite?“
„Gewiss doch. Ich habe Euch viel zu verdanken.“
„Habt Ihr Hunger? Ich kann Euch etwas bringen lassen.“
„Das ist nicht nötig“, erwiderte Hinrich etwas verunsichert durch den schnellen Wandel des Gespräches. „Ich muss mich noch um eine Unterkunft bemühen.“
Probst Paul öffnete die Sakristeitür nach draußen auf den Kirchhof und sprang erschrocken einen Schritt zurück. Hinrich blickte hinaus. In der Kälte stand eine dürre Frau mit einem verfilzten Wollschal um den Kopf gebunden. An ihren Rücken drückte sich ein Mädchen.
Bevor die Frau etwas sagen konnte, schloss der Probst die Tür und ehe er sie verriegelte, rief er noch „Einen Augenblick“, und zu Hinrich gewandt: „Kommt nach hinten. Die Burspraken sind noch nicht vorüber und ich muss mich um eine Sünderin kümmern.“ Dabei zog der Probst Hinrich zurück ins Kaminzimmer. „Ich bin gleich zurück. Wärmt Euch auf.“
Unsicher und müde stand Hinrich vor dem Kamin. Die Erschöpfung durch die beschwerliche Reise und die Kälte, die seine Glieder noch immer umschloss, ließen keinen klaren Gedanken zu. So setze er sich auf einen schiefen Stuhl und trank noch einen Becher gewärmten Wein. Aus der Ferne drang die zornige Stimme des Probstes zu ihm. Hinrich stand auf, um ihn zu unterstützen, doch als er um den Altar trat, stockte er.
So hatte Hinrich seinen Lehrer selten gesehen.
Probst Paul hatte Mühe sich zu beherrschen. Hinrich kannte die Gesten seines alten Magisters und diese hier zeigten Hinrich auf, sich zurückzuhalten. Viel zu leicht ließ Probst Paul sich vom Zorn zu Handlungen hinreißen. Dann war es besser ihn nicht zu belästigen.
„Gretje von der Heide“, zischte der Probst. „Ich werde es veranlassen und Euch eine Nachricht zukommen lassen.“
Sie sackte auf die Knie, zog dabei ihre Tochter mit nach unten und küsste die Hand des Probstes.
Verlegen zog sich Hinrich zurück.
„Was hat … was wühlte Euch so auf?“, empfing Hinrich den Probst. „Was war mit dieser Frau?“
„Ach, eine arme Sünderin. Aber genug. Es ist Euer erster Tag.“ Das Gesicht des Probstes war rot. Auf seiner Stirn pochte eine Ader. „Die Burspraken, die Verkündung vom Recht, sind noch nicht vorüber.“
„Wie lange wird es noch dauern?“
„Habt Geduld. Nach deren Ende werdet ihr im Rathhaus erwartet. Dort bekommt Ihr Eure zweite Aufgabe. Sie werden einen Burschen schicken, wenn es soweit ist. Erzählt mir doch von Lübeck“, fuhr der Probst kühl fort.
„Viel ist nicht geschehen. Aber dem Erfindungsgeist der Menschen sind keine Grenzen gesetzt. Ich weiß nicht, ob Ihr schon unterrichtet seid, aber wir schreiben nicht mehr auf Pergament. Wir haben jetzt Papier – dünneres, leichteres Pergament.“
Das Gesicht des Probstes erhellte sich: „Ja, das kenne ich. Kyl ist zwar nicht so alt wie Lübeck, dennoch sind wir allem Neuen aufgeschlossen. Es wird Euch freuen, dass auch wir auf Papier schreiben.“
Hinrich blickte ins Feuer. Die Flammen ließen sein Gesicht älter und härter aussehen.
Etwas kleinlaut drehte er sich um. „Meint Ihr, ich kann mich nun um eine Lagerstatt bemühen?“
„Geht nur hin, in Eurem jugendlichen Tatendrang. Ich werde nach Euch schicken, wenn es soweit ist“, sagte der Probst.
„Wo finde ich wohl rechtschaffene Bürger, bei denen ich eine Kammer finden kann?“
„Versucht es in der Schuhmacherstrate. Dort hat der Kaufmann Merten von der Heide mit seiner Frau Gretje sein Haus. Beides ehrliche Leute“, antwortete er leise. „Wendet Euch einfach nach links, dann seid Ihr schon in der Strate.“ Hinrich öffnete die bemooste Küstertür …

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Ein Gedanke zu “Jahre des Hungers

  1. vor kurzem habe ich das buch von burkhard friese, „jahre des hungers“ gelesen. ich habe es regelrecht verschlungen.

    es hat mich sehr berührt, denn dieses buch geht in die wurzeln des menschseins. bemerkenswert fand ich auch, mit welcher tiefe der schriftsteller in die personen hineingegangen ist und damit einen inneren raum erzeugt hat, den der leser selbst füllen kann, aber vom autor geführt. und plötzlich ergibt sich das Charakterbild von ganz alleine.

    bemerkenswert finde ich auch, dass der autor die beschreibung des aussehens der personen fast gänzlich weg lässt. somit wird dem leser ermöglicht, sich auf das innenleben der personen zu konzentrieren. man erkennt dann deutlich, wie innere strukturen und charakterzüge im wesen des einzelnen menschen die geschichte der menschheit mitschreiben. das finde ich ein besonderes stilmittel, wo wir doch in einer zeit leben, in der äusserlichkeiten eine so grosse rolle im gesellschaftlichen leben spielen.

    mir haben besonders die franziskaner, anna und hinrich und auch der bader in seiner doppelrolle gefallen. die franziskaner als die echten, stillen helden, die selbstlos helfen. und auch anna mit ihrer liebe zu den ausgegrenzten, schwachen und kranken hat mich berührt. und hinrich auf der suche nach sich selbst und seinem lebensweg. bezaubert hat mich, wie Friese die echte, tiefe, doch so einfache und natürliche liebe zwischen anna und hinrich, mit Worten andeutet, so dass man sie erahnen und spüren kann.

    dann ist mir noch aufgefallen, wie gut der schriftsteller in seinem buch die damalige Umgangssprache innerhalb der Bevölkerung nachempfindet, wodurch deren Geisteshaltung zum Ausdruck kommt.

    alles in allem sehr einfühlsam, bildhaft und sinnlich geschrieben.

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