Zeit zu leben

Meine Recherchen zu „Jahre des Hungers“ brachten viele Ideen für Geschichten. Zu viele, um sie alle in einen Roman einbinden zu können … Eine davon ist diese:

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Wie ein Keil hatte das Meer das Wasser in das Land getrieben und es in zwei Hälften geteilt. Welle auf Welle lief auf dem Strand von Kyl, dem kleinen aufstrebenden Fischerdorf an der Hörn, dem Ende des Wasserkeils.
Hier, in der friedlichen Förde, erfuhr man nur durch die Erzählungen der Seefahrer etwas von der grausamen See, den schwarzen Wassern, den ungeloteten Tiefen und den Ungeheuern der geiffernden See.
Beinahe zärtlich trug der Wind die Gerüche von Algen und Salz in Käthes Nase. Vor Gram gebeugt stand sie auf der dunkel verwitterten Pier und blickte mit feuchten Augen über den Horizont auf die See. Käthe hasste sie, diese Hure, die mit ihren Verlockungen den so geliebten Gatten immer wieder in ihren Bann gezogen hatte. Und nun erlag auch noch Uwe, ihr Sohn, diesen aufreizenden Wellenbewegungen. Ein Weib konnte nicht listiger sein.
Käthe Hinrichsen brauchte keine Erzählungen. Sie hatte es selbst erlebt.
Vor nicht allzu langer Zeit riss ihr die unbarmherzige See den Gatten von der Seite, und ausgerechnet Käthe selbst brachte die Nachricht vom Tod Jan-Peters nach Kyl, dem auf Stelzen seewärts mit Lehm und Holz gebautem Dorf.
Nun starrte Käthe wieder auf die See, wartete auf die Rückkehr ihres Sohnes. Wartete, und nahm seit Tagen keine Nahrung mehr zu sich. Zwei Wochen stand sie nun schon ununterbrochen am Wasser. Ihr Leibrock blähte sich auf wie ein Segel, wenn sich der Wind darin verfing. Sie hatte abgenommen.
„Käthe, komm nach Hause! Du hast dein ganzes Leben mit Warten verbracht, nun denk auch mal an Dich. Du hast auch ein Recht auf Leben, auf Deine Zeit“, versuchte Johanna, Käthes Base, sie ein letztes verzweifeltes Mal zurück ins Leben zu ziehen.
„Ich will den Rest meines erbärmlichen Lebens mit meiner Familie verbringen“, antwortete Käthe müde. „Hier bin ich am Grabe meines Gemahls, und wenn ich die Hand in diesen nasskalten Tod halte, dann kann ich ihn spüren. Und vielleicht erreichen diese kleinen Wellen meinen Sohn und begleiten ihn nach Hause. Jede Welle, die hier an diesen rissigen Steg schwappt, könnte ihn gesehen haben.“ Starr blickte Käthe auf das Meer und plätscherte mit ihren gichtigen Händen viele kleine Nachrichten in die Unendlichkeit. Kein Wort kam mehr über ihre Lippen, und jeder Tag, den Uwe nicht nach Hause kam, war ein Tag weniger in ihrem Leben.

An diesem kalten Novembertag war der Himmel klar. Es roch nach Frost und der seichte Wind trug die Geräusche des Meeres an Land. Die Sonne spiegelte sich in den vielen friedlich auf- und abwogenden Wellen. Eine Kogge, gezeichnet von der harten Schonenfahrt, lag auf Reede. Zwei Ruderboote suchten mit immerwährenden Ruderschlag das Land zu erreichen.
Käthe Hinrichsen stand auf den vom Wetter gezeichneten schwarzen Holzbohlen zwischen Tonnen von gesalzenen Heringen. Fast konnte man meinen, es läge Schnee auf dem rissigen Holz, so glänzten Schuppen und Salz in den letzten Sonnenstrahlen. Sie stierte auf die offene See.
„Uwe“, flüsterte sie. „Uwe, komm heim!“ Dabei spielte ihre Hand mit den ankommenden Wellen. Dann war sie wieder stumm. Auch als ihr Blick nicht mehr in die Ferne schweifen konnte, um zu erkennen, ob sich nicht doch schweres Segelleinen am Horizont zeigte, blieb sie starr stehen.

Sehr viel später schlurfte sie in die Kirche, betete um Uwes Rückkehr, warf ein paar Münzen in den Armenblock und stiftete eine Kerze. Dann sah man den von Leid gebeugten Schatten ihrer Selbst mit schweren Schritten in ihre Kammer gehen.
„Sie ist vom Meeresteufel besessen“, flüsterten die Nachbarn im Vorbeigehen hinter vorgehaltener Hand, und Kinder warfen mit Lehmklumpen nach der gramgebeugten Frau. Bald war sie von den Bettlern und den Siechenden, die sich in den dunklen, feuchten Gassen herumtrieben, nicht mehr zu unterscheiden.
Als alles schlief hockte sie immer noch wach in ihrer Stube, mal mit Feuer im Herd, mal fror sie, und hoffte darauf, ein Zeichen zu bekommen. Doch niemand hämmerte an ihrer Tür, niemand spendete ihr Trost. Käthe verfluchte das Meer. Käthe verfluchte die Schöpfung und haderte mit sich selbst. Ihre Gedanken waren nicht mehr bei ihr; sie schlief nur noch mit offenen Augen und wälzte sich hin und her.
Wie ein schwarzes Seidentuch lag die See ruhig in ihrem Bett. Das scharfe Schwert Gottes trennte den irdischen vom göttlichen Bereich am Horizont. Goldene Punkte erhellten das Firmament, und der Mond stand wie ein Maurensäbel über der kleinen Kogge.
Seit zwei Tagen dümpelte sie friedlich vor sich hin. Kein Windhauch vermochte das Großsegel zu füllen, um die Mannschaft nach Hause zu tragen.
Uwe Hinrichsen, der Steuermann, stand hinter dem Ruder. Uwe und Peter Jehonn, der Käpten, blickten unruhig, aber ohne Furcht, auf die schwarze Säule, die sich in der Endlichkeit vor ihnen aufbaute. Wie ein Turm stand sie da, vereinigte den Himmel mit dem Meer und begrub die Sterne in ihrem Schleier. Bedrohlich auf- und abwogend wälzte sie sich näher. In der Ferne erkannte man weiße Gischt, die wild vor der Gewitterfront umhertanzte. Blitze zuckten, aber noch war nichts zu hören, kein Lufthauch zu spüren.
Die fünfzig Mann, die seit der Abfahrt aus China dem Meer trotzten, standen am hölzernen Bug und flüsterten aufgeregt. Von Zeit zu Zeit warfen einige von ihnen ängstliche Blicke zum Ruder.
Uwe Hinrichsen und Peter Jehonn schauten sich tief in die Augen. Beide Gesichter waren von Wind, Sonne und Wetter gegerbt. Braungebrannt Uwes Haut, voller Narben die von Peter. Schon einige Sturmfahrten hatten die beiden miteinander überstanden – die harte See war ein erbarmungsloser Lehrmeister. Zusammengeschweißt hatte dies beide; Freunde waren sie
Uwes stahlblauer Blick wanderte den einzigen Mast nach oben. Das speckige Leinentuch hing schlaff in den Tauen. Es war noch immer nichts zu hören, kein Windhauch zu spüren.
„Es ward tied!“, unterbrach Peters dunkle Stimme die atemlose Spannung. Uwe nahm die Bootsmannspfeife und stieß einen grellen Ton in die dunkler werdende Nacht hinaus. In den Haufen verwegener Männer kam Bewegung. Jeder von ihnen wusste, was er zu tun hatte. Dies war nicht der erste Sturm, doch er würde anders werden; das ahnte jeder, der hinüber zu dem nahenden Unwetter sah.
Befehle wurden gebrüllt, Männer stiegen in die Wanten, und einige nahmen mit ihren groben Lederhänden das raue Großfall auf. Von einer Sekunde zur anderen kam Leben in das Schiff.
„Hey hoh!“, klangen viele Stimmen beim Reffen, wie die eines Mannes. „Das wird ein Ritt!“, hörte man aus einer anderen Ecke, und immer wieder warfen die Seemänner sorgenvolle Blicke über den Bug in die nahende Zukunft.
Schwere Hanfnetze wurden über die wertvolle Ladung gespannt. Da war weiche Seide aus China und aromatische Gewürze aus dem Fernen Orient. Überall war das Platschen nackter Füße auf den Holzplanken zu hören. Im Bauch der Kogge wurde die Ladung verzurrt und Holzbohlen, Hanf und Pech bereit gelegt.
Innerhalb von einem Glasen war das Schiff sturmklar.
Sven, der Bootsmann, ein vierschrötiger Kerl ohne Zähne, kam auf den Steuerstand.
„Alles klar?“, fragte Peter.
„Ay Ay, Käpten! Alles klar“, nuschelte Sven. Es bedurfte in dieser Nacht nur wenig Worte. Zu oft war die St. Monica auf dieser Fahrt schon in einen Sturm geraten, und jeder Kampf mit den Launen Gottes hatte seine Spuren an Bord hinterlassen.
„Nur noch ein Tag, dann erreichen wir den schützenden Hafen!“, versprach Uwe. „Wir sind in der Norden See, und die Heimat ist schon zu sehen.“
„Nur Geduld, Uwe“, antwortete Peter, sein Freund. Sven stand schon wieder bei seiner Mannschaft und ließ Peter und Uwe allein. „Bald wirst du deine Liebste wieder in den Armen halten“, spottete Peter.
„Du weißt genau warum ich mir Sorgen mache!“, verteidigte sich Uwe. „du weißt, dass Mutter allein ist.“
„Ist schon gut, meint Freund“, lenkte Peter ein. „Dein Vater blieb auf See …“
„Ich muss mich zu Hause um einiges kümmern. Du kennst Mutter. Sie ist krank vor Angst. Sie kommt allein nicht mehr zurecht“, erklärte Uwe.
Peter murmelte: „Verfluchte See!“
Der Sturm war keine unbekannte Säule mehr, die sich am Horizont verlor; er war zu einer mächtigen Wand geworden und baute sich herausfordernd vor den Männern auf. Uwe und Peter schauten gleichzeitig den Mast hinauf. Nicht mehr still und unschuldig hing das Tuch in seinem Hanfkleid, nein, es fing die ersten Windstöße auf, es wurde lauter. Der Wind trug das Donnern und die Geräusche der sturmgepeitschten See durch die Nacht.
Die angeschlagene Kogge fing an zu knarren.
„Alle Mann unter Deck!“, gellte Peters Befehl über die Planken. „Die Steuerbordwache bleibt oben!“
Die ersten Wellen erreichten den Rumpf und hoben die St. Monica an. Gleichzeitig blähte der Sturm das Leinen auf, und die Kogge legte sich auf die Seite. Die silberne Sichel und die vielen kleinen glänzenden Löcher im Mantel der Nacht waren verschwunden.
Jetzt erfasste der Sturm die Takelage und spielte seine dunkle Melodie – die ruhige, schwarze See verwandelte sich in einen weißschäumenden Hexenkessel.
„Nun gilt es …“, rief Uwe der Sturmfront entgegen, doch keiner konnte ihn hören. Hab acht Uwe!
„Wir müssen uns vom Land freihalten!“, rief Peter, als er bemerkte, dass der Sturm landwärts tobte. „Die Grundseen …“
Die Kogge tanzte auf den Wellen, legte sich auf die Seite; mal hing das Heck, dann der Bug in der Luft. Holz knarrte und splitterte, als die Wellen über das Deck liefen.
Die Schreie der ins Wasser gerissenen Seemänner verstummten. Die Steuerbordwache war ertrunken.
Tapfer kämpfte die Backbordwache gegen die mordende See.
Immer wieder tauchte der Bug in die anlaufende See, fasste Wasser, blieb stecken und wurde zurückgeworfen. Uwes Gesicht war rot vor Anstrengung, seine Arme geschwollen. Aus einer Platzwunde sickerte Blut, doch die See ließ sich nicht besänftigen. „Nun gilt es …“, schrie er nun dem Meer entgegen. „Ich hasse dich! Ich verfluche dich!“
Als der Mast splitternd brach, legte sich für ein Sekundenbruchteil das schwere Leinen wie ein Leichentuch übers Deck. Dann wurde es von der nächsten überlaufenden Welle samt Backbordwache über Bord gespült. Sinnlos drehte Uwe am Ruder, bekam keine Gewalt mehr über die Kogge, bis Peter ihn losriss und ihn von seiner Qual befreite. Nun kauerten beide hinter einer Backskiste, klammerten sich fest ans rissige Hanf und kämpften gegen sturmpeitschende Gischt und Seemannsehre.
Stumm blickte Uwe in Peters entsetztes Gesicht und folgte dann seinem ausgestreckten Arm. Ihre Kleidung war zerfetzt und flatterte wie windige Höllenhunde an ihnen. Die Worte konnte Uwe nicht verstehen; er wusste aber, was Peter schrie: „Die Grundsee …!“
Augenblicklich fuhr die St. Monica in die Hölle, wurde in den Himmel gehoben, ritt einen Augenblick auf dem Wellenkamm und stürzte waschbords erneut in die schwarzgrüne, geifernde Tiefe.
Voller Trauer schaute Uwe nach links – Peter war verschwunden.
“So nimm auch mich hin, du Meeresteufel, du Satan …“, brüllte Uwe, dann wimmerte er, als das Wasser in ihn eindrang: „Kümmer´ dich um Mutter!“, und sein letzter Gedanke galt ihr. Dann schloss sich das Meer über ihm.

Am nächsten Morgen lag die See ruhig wie ein Seidentuch in ihrem Bett. Ein Fischerjunge fand beim Spiel ein Holzbrett mit der Aufschrift „St. Monica“.
Ihr Rest war auf See geblieben.
Der Vater des Jungen, ein einsamer Fischer, dessen Frau bei der Geburt des Sohnes gestorben war, lief noch in derselben Stunde nach Kyl, dem Heimathafen der St. Monica, und läutete die Totenglocken.
Käthes Hände zitterten, als sie die Aufschrift auf dem Holzbrett las; in der letzten Nacht hatte sie Albträume – Hände hatten nach ihr gegriffen. Dann wurde ihr schwarz vor Augen und sie brach zusammen.
„Erst Jan-Peter und nun auch noch Uwe …“, jammerte Käthe Hinrichsen einsam im Dunkel ihrer kleinen Kammer. Der Mond war der einzige Zeuge beim Raubzug des Meeres. Jetzt sandte er einige blasse Strahlen in das kleine Zimmer, unter dem verrußten Giebel. Die letzte Wachsleuchte war längst erloschen. Nur noch ein schiefer Tisch und ein wackliger Stuhl unterbrachen die triste Einsamkeit der Frau, die bis auf ihr nacktes Leben alles verloren hatte, was sie liebte.
Seit der Messe zum Andenken an Uwe, seine Leiche wurde nie gefunden, hatte sie kein Auge mehr zugetan. Nur mühsam und widerwillig nahm sie einmal einen kalten Brei, oder fad schmeckende Molke zu sich.

Es wurde Frühling. Um die Mittagsstunde vertrieben die Sonnenstrahlen die Kälte aus den schmutzigen Gassen. Sie drangen auch, gebremst durch brüchige Läden, in dünnen Strahlen in die Kammer von Käthe, wo ihr erkaltetes Herz vegetierte. Kein goldener Strahl konnte es erreichen.
Käthe lag auf der feuchten Strohschütte; ihr Blick haftete an dem kleinen Kruzifix aus Holz, die einzige Ablenkung auf der dreckigen Lehmwand, und nach den vielen durchwachten Nächten und einsamen Tagen schien es immer größer zu werden. Nun nahm es schon die gesamte Wand ein. „Der Heiland, er lacht mich aus!“, kicherte Käthe. Eine Nachbarin, die aus Sorge vor ihrer Tür stand, bekreuzigte sich ängstlich und rief nach Gott, da war Käthe wieder still. Am nächsten Morgen hockte Käthe in gebückter Haltung auf ihrem Strohsack und wippte hin und her. „Der Schöpfer hat´s gegeben, der Schöpfer hat´s genommen“, lallte sie leise. Der Dekan, der zu Hilfe gerufen wurde, kam, bekreuzigte sich bei Käthes Anblick und verschwand schnell wieder in den Hallen seiner Kirche. Danach hat man ihn nicht mehr gesehen.

Als es wieder Nacht wurde stand Käthe auf, riss das Kreuz von der Wand und gab es den gierigen Flammen der Feuerstelle zum Fressen. Boshaft schlängelten sich Flammen um das trockene Holz, um es zu verschlingen.
„So wie das Meer meine Lieben verschlang, so sollen dich die Flammen vernichten!“, schrie Käthe. Dabei lächelte sie und streckte ihre Hände aus, um sich an dem Feuer zu wärmen. Dann legte sie sich wieder auf das Stroh und schloss ihre Augen. Nach vielen Wochen das erste Mal, und augenblicklich kam der Schlaf. Er kam wie ein unerwartetes Geschenk, ein Geschenk des Vergessens und Erbarmens.
In dieser Nacht tobte wieder ein fürchterlicher Sturm über das Land – Käthe schlief. Das Wasser rollte höher als sonst auf das Land, die Sturmglocken leuteten – Käthe schlief. In dieser Nacht machte das Meer den Fischerjungen zum Vollwaisen. Käthe schlief zwei volle Tage und Nächte.
Als sie wieder ihre Augen öffnete, war alles vergessen, und sie sah die rußgeschwärzten Umrisse vom Kreuz an der leeren Wand. Sie schlief wieder ein, dann hörte sie Glocken. Zuerst wusste Käthe nicht was es war, doch dann erkannte sie die Klänge der Kirchenglocke. Draußen war es noch dunkel … Alles schlief, nur Käthe nicht.
„Die Frühmesse!“, entfuhr es ihr, „Ich komme zu spät!“ Käthe war noch nicht wach, beeilte sich aber von ihrer Stohschütte aufzustehen, warf sich einen warmes Gewand über den Leibrock und rannte auf die schmale Strate.
Käthe hab acht! Es ist nicht deine Zeit …
Der Lehm der Brückenstrate war gefroren, und der Widerhall ihrer Schritte verlor sich in den engen Gassen von Kyl. Sie bemerkte nicht, dass sie die Einzige auf der Strate war, so sehr beeilte sie sich.
Hustend rang sie nach Luft, als sie die Stufen zur Nikolaikirche hinaufrannte. Die schwere Eichentür ächste in ihren Angeln und Käthe hatte Mühe, sie aufzudrücken. Die Glocken hörten auf zu schlagen.
Schnell setzte sich Käthe auf eine hölzerne Bank und holte tief Luft. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie keines der gesungenen Lieder kannte. Sie hob verwirrt den Kopf, um ihren Nachbarn zu fragen, aber schaute durch ihn hindurch auf einen marmornen Stützpfeiler der Kirchenhalle. Käthe glaubte ersticken zu müssen. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, und erst dann entlud sich ihr Entsetzen in einem grellen Schrei. Er brach sich im steinernen Kirchengewölbe der dreischiffigen Halle, wurde zurückgeschleudert und erfüllte das gesamte Gemäuer. Sie erkannte ihren Nachbarn. Vor zwei Jahren war er bei einem Schiffsunglück ertrunken. Nun nahm auch er Notiz von ihr und lächelte sie an. Käthe roch seinen Atem – fauler Fisch, Muscheln und Algen – dann flüstere er: „Geh nach Hause …“
Wie angewurzelt blieb sie stehen, konnte sich nicht rühren; da hörte sie von hinten bekannte Schritte auf sich zukommen. Zuerst schaffte Käthe es nicht sich umzusehen, doch dann konnte sie ganz langsam ihren Kopf drehen, er lastete schwer er auf ihren Schultern. Sie schaute in Uwes Gesicht.
„Geh‘ nach Hause, Mutter“, flüsterte er eindringlich. Dabei näherte sich sein aufgedunsener, zahnloser Mund ihrem vom Leben gezeichnetem Gesicht. „Dies ist nicht deine Zeit, Mutter! Dies ist die Zeit der Toten, nicht die der Lebenden, Mutter. Geh jetzt, geh jetzt schnell!“ Jetzt endlich konnte Käthe ihre Starre abschütteln und rannte am Leidensweg Jesu vorbei in die kalte Nacht. Ihr Mantel blieb in der Eichentür hängen, als sie zuschlug, doch Käthe drehte sich nicht mehr um. Erst, als sie zitternd vor Kälte und Furcht auf ihrer Strohschütte saß, bekam sie wieder Luft
„Morgen …“, japste sie zu sich, sonst hörte ihr ja keiner mehr zu, „Morgen, ganz in der Früh, wenn die Sonne noch schläft, gehe ich in die Frühmesse, um meine Sünden zu beichten – um mich mit Gott und Uwe zu versöhnen.“
Dann schloss sie die Augen, aber ihr Geist blieb wach.

Am nächsten Morgen blieben die Glocken stumm. So wirklich wie ein Traum, doch so unwirklich wie das Leben, erinnerte sie sich an die letzte Nacht. Dabei lief ihr ein Schauer über den Rücken. Käthe wusste nicht, ob sie wachte oder schlief, bis ihre kaltsteifen Glieder zu schmerzen begannen. Mit einem Stöhnen quälte sie sich auf, und die Nacht war nurmehr ein böser Traum. Trotzdem zögerte sie und ging erst zur Kirche, als die Sonnenstrahlen die des Mondes ablösten.
Mit Herzrasen schlich sie vorsichtig das Kirchenportal nach oben. Menschen, die auf dem Markt standen, flüsterten: „Ist das nicht die Hinrichsen?“ Andere: „Ist das da oben nicht der Sohn vom Fischer?“ Doch Käthe hörte es nicht. Ihr Mund stand vor Entsetzen weit offen. Der hastige Nebel ihres Atems stieg in den kalten Morgen. Der Junge vom Fischer hockte zitternd vor der Kirchentür. Sein Mantel hing um seine Schulter, spendete aber nicht die Wärme, die er brauchte. Als Käthe sich näherte, wich er ängstlich zurück. „Das Meer, das Meer …“, stammelte er undeutlich.
„Ich weiß“, flüsterte Käthe, und dann nahm sie ihn in die Arme. Augenblicklich hörte Karl auf zu zittern. „Lassen wir die Toten ruhen. Wir müssen Leben…“ Karl nickte, dann standen beide auf und gingen nach Hause.

Wie tausend Sterne glitzerte die Frühlingssonne auf dem Meer. Fast mußte man geblendet die Augen schließen. Scharen von Möwen tanzten mit den Wellen auf und ab. Friedlich lag das Meer in seinem Bett.

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